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[living by numbers]

Eye of the beholder

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Die Fotografiska ist ein wunderbarer Ort. Bilder anderer Menschen am Meer. So müsste es immer sein. Es sind drei Ausstellungen diese Woche. Wie immer an solchen Orten ist der Zucker zu hoch, das Denken zu dumpf, zu träge, sind mir die Menschen zu viel. Aber ich taste mich heran. Ich kenne noch immer so wenige Namen. Immer nur geht es mir ums Licht.

Inez & Vinoodh. Ich begreife das Vogue-Handwerk; die Inszenierung als solche interessiert mich nicht.

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Zu glatt. Zu bunt. Zu gewollt. Pretty much everything is wrong here.

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Die Porträts aber atmen. Diese Gesichter. Verstehe ich.

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Nick Brandt. On this earth, a shadow falls, across the ravaged land. Ich habe mich in ein Bild vor der Tür verliebt, ohne zu wissen, was (oder wer) es ist: Ein versteinerter Vogel. Ich verstehe auch hier das Anliegen: Leben retten. Aber ich gleite weg und ab an dem Sepia-Stilismus der Löwenmähnen und Geparden, dem Unblutigen des Elfenbeins. Das Bewahrenmüssen als Opus ist mir nicht fassbar. Jedes Bild gleicht dem anderen. Als ob nicht jedes einzelne Bild laut schreien müsste, bis das Glas zerspringt. Das Versteinerte bleibt mir unter der Haut.

Splitter für Splitter.

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Und dann ist es Anders Zorn, ist es tanzendes Licht und Wasser, sind es Fotografien und Stiche, von denen man nicht immer genau weiß, was zuerst war von beidem. Die ewige, große Kunst der Lüge. Ein alter, kranker Mann ist er auf dem letzten Bild. Und das Licht tanzt immer noch auf den Körpern der Mädchen, der Bäuerinnen, der Huren. Es sind wunderbare Akte. Es sind wunderbare Stiche. Man möchte auch tanzen, schwimmen, in diese Bilder eintauchen.

Am Ausgang die traurigste, trostloseste, politisch-korrektest-mögliche Entschuldigung: Natürlich habe Zorn diese Frauen durch seine Kunst ausgenutzt. Hier scheitere ich vollends.

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Licht ist doch immer Berührung. Das Malen und Abbilden, Einfangen und Belichten von Körpern. Jedes Foto eine Aufdringlichkeit, ein Stehlen. Aber ich scheitere so oft, jetzt, an allem; der Welt.

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Die Dohlen von Stockholm

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Ich wusste nicht, wer sie sein würden. Ich wusste nicht, welche Farbe sie haben würden. Es sind die kleinen Schwestern.

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Ich sollte Häuser und Dinge ansehen. Dinge tun. Später. Später. Erst das Licht und der Regen. Erst das Grau.

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Ich kann die große Kamera nicht mehr jeden Tag tragen. Ich trage genug an den Medikamenten. Das alte iPhone, mein Notizzettel. Es reicht für die anderen Dinge, die aus Stein. Es reicht für das Essen. Es reicht fürs Erinnern. Es reicht nicht für die Annäherung, es reicht nicht für das Licht. Ich muss durch einen Sucher sehen können, um etwas zu verstehen. Ich muss sehen können. Der Atemrhythmus ist ein anderer. Überhaupt ist Atmen Sehen. Ich begreife das so spät.

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Es ist überall so voll. Ich will nirgends sein, nicht in den Läden, nicht den Straßen unten, nicht den Designmuseen. Wir ziehen uns zurück auf unsere Insel, dorthin, wo der Mälar schon längst Meer ist, auch wenn es nicht so riecht. Stockholm ist so anders als Göteborg, vollkommen fremd. Göteborg war meins; war weiß, hell. Aber dort habe ich auch gewohnt. Dort war alles Meer. Nur an die Vögel kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht brauchte ich damals noch keine.

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Ich möchte am Wasser sitzen und mit Dohlen sprechen.

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Ich möchte mit dir am Wasser sitzen und essen und Menschen betrachten, aus angemessener Entfernung. Hier, sage ich, sagst du. Hier ist es gut.

Wir kommen drei Tage lang wieder. Wir essen hier drei Tage lang. Wir essen immer dasselbe. Nur der Wein wechselt seine Farbe. Als sie uns erkennen und begrüßen und lachen, schämen wir uns. Danach kommen wir nicht mehr wieder. Wir haben nur vier Tage. Einen Abend essen wir unter Fremden. Aber nur so geht Urlaub, denke ich.

Um Urlaub zu machen, braucht man eine Heimat.

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Am Ende ist es wie überall. Ich habe nur das Licht getauscht. Wir ignorieren meine alte Regel. Travel light, leave yourself behind.

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Dieses Bild habe ich schon einmal gemacht, in einer anderen Stadt, mit einem anderen Grau. Im Winter trägt auch die andere Stadt dieses Blau. Vielleicht geht es nur darum. Die Farben aller Erinnerungen zu schattieren, bis alles zueinander passt.

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Wir sind Zaungäste.

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Am letzen Tag komme ich endlich an. Ich teile meine Notration mit ihnen. Heute brauche ich sie nicht mehr. Ich bin nicht alleine hier. Wir sitzen am Rand des Parks und hören Menschen und Musik und ich kaufe mir eine Portion Pommes Frites und wippe mit den Füßen. Kinderurlaub. Mit jedem anderen müsste ich erwachsen sein.

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Der Kleinste von ihnen kommt auf mich zu. Ab hier kenne ich mich aus. Jetzt könnte ich bleiben.

Jetzt kann ich gehen.

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Winter

Snow can wait, I forgot my mittens
Wipe my nose, get my new boots on
I get a little warm in my heart when I think of winter
I put my hand in my father’s glove.

One day I may stop playing this particular version of this song. Or grow out of your old, black, velvety jumper. Not this year, though.

Antidotes, spiralling

The map of my world gets smaller as I sit here
Pulling at the loose threads
Now we’re tumbling down
We’re spiralling
Tied up to the ground
We’re spiralling
When we fall in love
We’re just falling
In love with ourselves

[Keane, Spiralling, Perfect Symmetry/2008]

09-IMG_6855Zwei Paniktage und zwei Nächte. Es blutet wieder, wo nichts mehr bluten dürfte, weil da nichts mehr ist.

Phantomblut und ein roter Mond und ein Jahrestag.

Als hätte ich es so beschworen. Als hätte ich es so gemacht. Als hätte ich es so gewollt. Ich bin schuld. Ich schließe und öffne mein Netz im Viertelstundentakt. Immer noch.

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Körper sind erfindungsreich, sage ich immer zu ihnen, wenn ihre zappeln vor Angst. Meiner scheint es drauf anzulegen, mir einen Schritt voraus zu sein. Aufwachen und nicht mehr wissen, ob man das Blut nur geträumt hat, weil sich jetzt alles jährt. Das Netz. Die Liebe. Der Tod. Das Leben. Ich würde dieses Jahr so gerne überspringen.

Aber Closure geht nur so. Schritt für Schritt am Abgrund entlang. Bis man nicht mehr tiefer fallen kann.

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Two steps forward, one step back. Spirals, dear, never circles.

Irgendwo liegt dazu eine Geschichte. Mein Blade Runner Raw Feed. Teile davon sind wunderbar. Der Rest ist Dreck, ist Müll. Ich müsste, sollte … aber wozu? Ich grabe nichts mehr aus, an das ich mich nicht vollständig erinnern kann.

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Vielleicht war es das, was die Blogs so richtig gemacht hatte. Schreiben. Verschenken. Online editieren. Und zur Hölle mit allem anderen: mit Strukturen, Kapiteln, aller Ordnung. Jeder Tag ein Text. Jeder Text eine Lichtkapsel.

Lass doch das Netz sich selber ordnen.

Ein tag sie zu finden. #available_light

Es war einmal alles so einfach. Träumen. Aufwachen. Lächeln. Schreiben. Weinen.

Tausend Texte später ist jedes Wort ein Stein um den Hals. Eine Aufgabe. Hätte. Sollte. Müsste.

Und das Netz schon so lange keins mehr.

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Ich träume wie früher und weiß nicht, ob ich noch wach bin.

Angst ist fast so erfindungsreich wie Körper. Zusammen sind sie unschlagbar.

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Und dann ist es nur, weil jetzt alles anders wird, weil wir alt werden, weil nichts bleibt, wie es ist.

Wir werden zu dem Papier, dem wir uns einst hauchdünn verschrieben haben. Der Schmerz, der uns zertrennt, ist Teil von allem. Nichts Neues. Wir werden immer bluten. Aus einem unserer Herzen.
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Rosen- und Mandelöl. Mehr braucht es nicht, sagt die Ärztin. Es fehlt nur an Geschmeidigkeit. Damit kann ich leben.

Eines Tages kann ich vielleicht auch wieder Sätze bilden ohne ein Ich.

Black and White and Blue

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Wir zählen die Jahre schon lange nicht mehr. Nur noch die Tage, die uns bleiben. Aber dies ist das Jahr der Zahlen und Zeichen. Das Kalenderjahr. Dieses Jahr gilt es zu zähmen.

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Wir lassen die Vergangenheit, wo sie ist. Bei uns am Tisch, im Blauen BandWeißt du noch?

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Once or twice a month. Soviel Musik muss sein.

»Synchronized, like magic, good friends you and me.«

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Und ich zähle bis drei, damit alles seine Richtigkeit hat. Denn in der Richtigkeit fahren die Schiffe hinaus aufs Meer und kommen niemals zurück. So erzählen sie es sich am Wasser und sie sind fünf und wissen um alle Geheimnisse der Welt.

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Sind Sie wieder hier?, fragen sie manchmal, als ob man noch einen Platz hätte, hier. Auch die neuen Gesichter fügen sich ein. Galerie der Gewohnheiten. Dass alte Passwort gilt noch immer.

»Swapping stories.«

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Der Kater weiß nicht, dass ich ihn kenne, er weiß nicht, dass er ein Centerfold ist, eine Illustration, eine Vignette, er weiß nicht, für wen. Ich hätte besser recherchieren sollen, damals, uns nicht verschenken. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist nur das Bild, der Schnee. Das Licht in diesem Winter, das du mit deinen Pfoten machtest. My on-off star. 

»Watching it run like a movie.«

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Er weiß nicht, mit wem ich hier gesessen habe, diesen winzigen Finger in meiner Faust, diese ruhige Stimme neben mir. All eure ruhigen Stimmen hier. Das Interview, als ich noch dachte, ich bin ein Buch. Nichts davon ist mehr wichtig außer euren Stimmen. Niemand hier hat jemals Aufregung verursacht bis auf eine, in dieser Büchnernacht der Unruhe, mit dem Preisträger, hier, an genau diesem Tisch. Ich glaube, ich habe ihm Geld dagelassen. Geld gegen Ruhe. Auch so ein Zeichen.

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Die Abschiede von der Stadt. Später. Von allem. Die Gespräche.

Meine Krähen immer auf der anderen Seite der Spiegel.

Als ob man sich nur hier hat sehen können und im Netz. Überall sonst waren wir so viel weniger real. Überall sonst waren es die falschen Fäden. Hier haben wir uns getroffen, vor zehn Jahren, als ich krank wurde und du mir Mut machtest. Hier treffen wir uns immer noch. Eines Tages, hast du mir versprochen, vergesse ich es. Darauf warte ich. Auf den einen Tag, an dem ich nicht nur die Spritzen vergesse und mich.

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Verlorenes Wohnzimmer. Verlorenes Netz. Verlorene Fäden.

Ich finde das alte Halten und Tragen nicht mehr und mich in all dem Gerausche.

Damals war es so einfach, das Vor-sich-hin-Denken.

Voices carry. Das war unser Credo.

»But now it’s cloak and dagger.«

Damals waren wir einfach nur Text und Musik. Weißt du noch?

»Every particle of difference gets like mountains in our eyes. You say: You’re unscrupulous! You say: You’re naive!«

Das andauernde Überleben und Besser-Schweigen verwirrt mich zusehends.

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Aber ich bin immer noch so dankbar für die frühen Jahre mit euch.

Für jede Stimme. Für jedes Du.

An euch überlebe ich. Noch immer.

»No blame for what we can and can’t control.«