
Die Werte sind nicht so schlecht. Ich bekomme einen guten Start in den Tag. Einen Meerjungfrauenstart. Ich wache auf und lächle. Ich lasse mir die Haare sommerkurz schneiden, obwohl alle immer sagen, kurze Haare sind nur etwas für grazile Frauen. Ich bin schon so lange nicht grazil, dass ich fast vergessen habe, dass es jemals anders war. Es macht mich nur noch an schlechten Tagen traurig. Heute ist ein guter Tag. Heute ist ein Menschentag. Mein Tag.

Und ich gehe nur ganz kleine Risiken ein. Ich möchte meinen Tag bis abends erleben dürfen.

Sie sind schön dieses Jahr, die jungen Mädchen, sagen wir, und wissen beide, was wir da halbfertig zitieren. Und ich streichle sie unter ihrem Kleid, am Bauch, ihre unperfekte Haut, und muss lächeln. Wie wenig Haut da ist. Wie wenig Bauch da ist. Wie wenig ich ihr das übel nehme. Sie ist ein halbflügger Vogel, nicht mehr, einfach nur einer meiner Vögel. Keine Waffe, keine Bedrohung, keine Gefahr. Ich bin ich. Heute ist mein Tag. Und ich wollte keinen Tag tauschen auf dem Weg hierher, in dieses Bild, in diesen Moment. Vielleicht ist das Glück: Nichts mehr verhandeln wollen. Nichts mehr verhökern, verschachern wollen. Nichts mehr zurückgeben wollen.

Ein Kräuteromelette. Und ein Mensch, mit dem man fast alles teilen kann. Auch wenn es einem nicht wirklich gehört. An omelette and a glass of wine.

Ich habe etwas für dich, sagst du, und ich wollte auch dich für nichts tauschen auf der Welt. Meine Lichtschwester, meine große, goldene, schöne, schmale, kluge Sonnenschwester. Wie viel Angst du einem machen könntest, so als Aufzählung, ohne dein Lächeln, deine Umarmung, deine Erinnerungen. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, wenn ich verloren gehe, dann denke ich an den Tag, an dem du mich gesucht hast. Ich bin froh, dass wir uns gefunden haben.


Und wir reden über Licht und Bilder und die Ars Electronica und ich verspreche dir, eigene Bilder zu machen. Wie seltsam immer noch, dass es Dinge gibt, die ich anders und besser kann als du. Wie sehr ich das liebe an dir. Dass wir verschieden und gleich sind.

Es ist kurz vor Vier. Ich gehe nicht in die Schule. Ich will zuhause bleiben. Was, wenn sie nicht kommen? Was, wenn sie absagen? Was, wenn sie es nicht finden? Was, wenn sie es nicht mögen?
Ich kann Mädchen und Frauen so wenig wie eh und je.
Und dann kommen sie oder sind schon da und lachen und strahlen und sind warm und weich und golden und nervös und laut und leise und ich falle nicht weiter auf und alles ist gut.

Und ich bekomme Geschenke, obwohl ich es verboten habe. Eines schöner als das andere. Beraten, gekauft, vererbt, geteilt. Hier, sagt sie, das ist meine Kamera, und ich sage, zeig doch mal, und verstelle ihr alle Optionen.
Er hat gesagt, das hast du noch nicht, und zu wissen, ihr habt hinter meinem Rücken.

Ich habe auch etwas, sagt sie, von früher, und ich verliebe mich in einen ersten Satz: Man kann recht haben, und man kann sich irren. Es kommt wohl darauf an, wie der Winter war.


Esst, sage ich. Trinkt. Weil wir das so machen, in meiner verlorenen Welt. Wenn alle satt sind, geht es allen gut.




Irgendwann treibt eine Feder in den Raum, zu unserem Tisch. Und alles ist gut und weich und alle sind satt und der Winter war ein guter Winter und ich kann gehen und weiß, ich kann jederzeit wieder kommen. Es ist so richtig. Es ist so unfassbar richtig. Wir schreiben uns in unsere Leben. Unverbrüchlich. Mit jedem ersten richtigen Satz.

Abends ist alles leise und Rosen und Knoblauch und du. Wie lange unsere ersten Sätzen zurückliegen. Weißt du noch? Are you real?
Und ich weine Kindertränen, vorher, weil die Geburtstagsschuhe passen, aber ich sie keine zehn Meter auf der Straße tragen kann ohne Schmerzen. Wie verliebt ich immer noch bin in meine Füße und meine Beine. Kinderkrams.

Eine Woche später trage ich einen Gipsverband. Alles ist relativ. Ich will nur wieder freihändig gehen können. Tanzen und Fliegen kann ich noch immer im Schlaf.
Mein Tag, dein Tag. Ich war nicht da, damals. Es tut mir so leid. Aber ich konnte das nicht. Ich kann keine Erdklumpenabschiede. Ich hatte meinen Schneewittchenabschied, habe dich hinter Glas gesehen, habe mit dir gesprochen, ich hatte ja schon vorher mit dir gesprochen, zum letzten Mal, als alle aus dem Zimmer waren, einmal, kurz, für ein paar Minuten. Hast du Angst?, habe ich dich gefragt, als wir allein waren. Nein, hast du gesagt. Ich möchte nur, dass es vorbei ist.







